Die Handlung spielt zu Lebzeiten des historischen Faust (ca. 1480–1538), also während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Die Handlungsorte liegen im heutigen Deutschland, beispielsweise sind es Leipzig oder der Harz.
Heinrich Faust, wie der historische Faust (ca. 1480–1538) ein angesehener Forscher und Lehrer zu Beginn der Neuzeit, zieht die Bilanz seines Lebens und kommt zu einem doppelt niederschmetternden Fazit: Als Wissenschaftler fehle es ihm an tiefer Einsicht und brauchbaren Ergebnissen, und als Mensch sei er unfähig, das Leben in seiner Fülle zu genießen. In dieser verzweifelten Lage verspricht er dem Teufel seine Seele, wenn es diesem gelingen sollte, Faust aus seiner Unzufriedenheit und Ruhelosigkeit zu befreien. Der schließt mit Faust einen Pakt, verwandelt ihn zurück in einen jungen Mann, nimmt ihn mit auf eine Reise durch die Welt und hilft ihm, die Liebschaft mit der jungen Margarete, genannt Gretchen, einzufädeln.
· Direktor, ein Theaterdirektor (nur im Vorspiel auf dem Theater)
· Dichter, der Dichter eines Theaterstücks (nur im Vorspiel auf dem Theater)
· Lustige Person, ein Schauspieler (nur im Vorspiel auf dem Theater)
· die drei Erzengel Raphael, Gabriel und Michael
· Der Herr
· Mephistopheles, ein Teufel (oft zu Mephisto abgekürzt)
· Heinrich Faust, ein Gelehrter
· Erdgeist, wird von Faust beschworen
· Wagner, Fausts Famulus
· Schüler, der bei Faust studieren will
· Hexe, in Diensten Mephistos
· Margarete, genannt Gretchen, ein junges Mädchen, Fausts Geliebte
· Marthe, Gretchens Nachbarin
· Lieschen, Gretchens Bekanntschaft
· Valentin, Gretchens Bruder
ferner: Chor der Engel, Chor der Weiber, Chor der Jünger, Spaziergänger aller Art, Bauern, Geister, Lustige Gesellen, Hexentiere, Böser Geist, Walpurgisnacht-Figuren, Stimme von oben, ein Pudel
Satan wettet mit Gott.Szene aus der Hiobslegende auf einem Fresko im Campo Santo di Pisa, von Taddeo Gaddi (um 1290–1366)
Bei dem Gedicht „Zueignung“ handelt es sich um eine Elegie. Goethe spricht darin die Personen des Dramas selbst an, berichtet vom Erwachen des Schaffensprozesses und gibt die Gefühle wieder, die sich seiner dabei bemächtigt haben. Er trauert den vergangenen Zeiten nach, seiner Jugend, seiner ersten Liebe und Leidenschaft und den verlorenen Gefährten dieser Zeit.
Ein Theaterdirektor, ein Dichter und die Lustige Person (gemeint ist ein Schauspieler) streiten über Sinn und Zweck eines gelungenen Theaterspiels. Der Direktor betont dessen unternehmerische, der Dichter die künstlerische, die Lustige Person die unterhaltende Absicht. Ihr Kompromiss sei das nun folgende Universalstück, der Faust: So schreitet in dem engen Bretterhaus | den ganzen Kreis der Schöpfung aus | und wandelt mit bedächt'ger Schnelle | vom Himmel durch die Welt zur Hölle!
Der Prolog im Himmel ist an die Hiobswette im Alten Testament angelehnt. Der Herr bringt die Sprache auf Doktor Faust, seinen Knecht, der ihm bisher nur verworren diene. Mephisto wettet, er könne Faust verführen, vom rechten Weg abzuweichen. Der Herr nimmt die Wette an und sagt voraus, dass Mephisto verlieren werde: Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange | ist sich des rechten Weges wohl bewusst.
Die Handlung (Szenentitel nach Goethe, Einzelheiten kursiv)
„Geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich Dir!“ –„Du gleichst dem Geist, den du begreifst,Nicht mir!“Faust und Erdgeist, Illustration von Goethes eigener Hand
Der Gelehrte Heinrich Faust zweifelt am Erkenntniswert der Wissenschaft, die weit davon entfernt sei zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er zieht die Summe seiner langjährigen Studien und sieht, dass wir nichts wissen können! Um der realwissenschaftlichen Sackgasse zu entkommen, greift er nach dem Vorbild des Nostradamus zur Magie und beschwört den Erdgeist. Faust hofft, durch dessen Kraft in höhere Sphären zu gelangen: Der Du die Welt umschweifst, geschäftiger Geist, wie nah fühl ich mich dir!, wird aber von jenem Geist nur verhöhnt und schmerzvoll an seine eigene Sterblichkeit erinnert: Wo ist der Seele Ruf? Wo ist die Brust, die eine Welt in sich erschuf? Wo bist Du, Faust, des Stimme mir erklang? Ein furchtsam weggekrümmter Wurm!. So entzieht sich der Erdgeist Faust und Wagner tritt auf.
Fausts lerneifriger Famulus Wagner ist der Typus des auf reine Buch-Gelehrsamkeit bauenden, dabei optimistischen und fortschrittsgläubigen Wissenschaftlers. (Er wird im zweiten Teil des Faust als Professor und Reagenzglas-Genetiker auftreten und die nüchtern wissenschaftliche Position gegenüber dem Faustschen Schwärmertum vertreten. Durch die Erschaffung eines künstlichen Menschen (Homunculus) erweist aber auch er sich als Visionär.)
Aus Verzweiflung und mit dem letzten Wunsch nach Grenzüberschreitung beschließt Faust sich das Leben zu nehmen, wird jedoch durch das Glockengeläut zum Ostersonntag, das ihn weniger an die christliche Botschaft als an glückliche Kindertage erinnert, davon abgehalten.
Am nächsten Tag unternimmt Faust mit Wagner einen festtäglichen Frühlingsspaziergang und mischt sich unter das promenierende Volk. Bei dieser Gelegenheit zeigt sich, welch hohe Achtung Faust seiner medizinischen Verdienste wegen bei der Landbevölkerung genießt. Die Szene gibt einen Querschnitt durch die mittelalterliche ständische Gesellschaft. Es treten Bürger und Bauern auf, Studenten, Handwerksburschen und Soldaten, Bürgertöchter und Mägde. In ihren Gesprächen werden unterschiedliche Haltungen und Anschauungen innerhalb der Stände, aber auch der Generationen deutlich.
Faust offenbart Wagner sein inneres Zerrissensein zwischen Leben und Wissenschaft: Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen: die eine hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen; die andre hebt gewaltsam sich vom Dust zu den Gefilden hoher Ahnen.[1]
Ein seltsamer schwarzer Pudel folgt den beiden Spaziergängern; Faust nimmt ihn mit in sein Studierzimmer.
Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums. Um den Sinn des griechischen Wortes Logos zu erfassen, schlägt er die Übersetzungen Wort, Sinn und Kraft vor, entscheidet sich aber schließlich für: Im Anfang war die Tat (also für das Gegenteil von „Wort“, lógos).
Unterdessen wird der zugelaufene Pudel unruhig und entpuppt sich, von Faust mit Zaubersprüchen beschworen, als der Teufel Mephisto, der sich vorstellt als ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft und als Geist, der stets verneint.
Der Teufelspakt, Stahlstich von Julius Nisle (um 1840)
Im sogenannten Teufelspakt verpflichtet sich Mephistopheles, Faust im Diesseits zu dienen und hier alle Wünsche zu erfüllen. Im Gegenzug ist Faust bereit, dem Teufel seine Seele zu überantworten, falls es diesem gelinge, ihm Erfüllung und Lebensglück zu verschaffen (Faust: Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn! (1699–1702).)
Mephistopheles macht sich Fausts Enttäuschung über sein Studierstubenleben zunutze, um ihm den banalen Lebensgenuss schmackhaft zu machen. Wir müssen das gescheiter machen / Eh' uns des Lebens Freude flieht. (1818–1819) Hinter seinem Rücken verhöhnt er ihn: Verachte nur Vernunft und Wissenschaft ... (1851).
In Fausts Professorentalar gekleidet, hält Mephisto einen soeben neu angekommenen Studenten mit einer zynischen Studienberatung zum Narren und holt aus zu einem satirischen Rundumschlag gegen die Universitätsgelehrsamkeit im allgemeinen und die Engstirnigkeit einzelner Fakultäten im besonderen.
Vier angetrunkene Studenten in Auerbachs Keller versuchen, sich mit zotigen Scherzen und ordinären Liedern in Laune zu bringen. Mephisto führt Faust ins Lokal, um ihm zu zeigen, wie leicht sichs leben lässt. Als Ortsfremde erregen beide das Interesse der Zechenden. Durch ein dreistes Lied versteht Mephisto, sich schnell in den Kreis einzuschmeicheln, und als er jedem die gewünschte Weinsorte aus dem Tisch zaubert, steigt die Stimmung.
Faust hat vom derben Treiben bald genug, aber Mephisto bittet um Geduld: Gib nur erst acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren. Der Wein verwandelt sich plötzlich in Feuer und die Trinkenden wollen Mephisto mit Messern ans Leder. Dank seiner magischen Kräfte gelingt es diesem jedoch, mit Faust aus dem Trubel zu fliehen. Die Studenten bleiben verstört zurück: Nun sag mir eins, man soll kein Wunder glauben!
Mephisto führt Faust in eine Hexenküche, in der ihm ein Zaubertrank verabreicht wird, der ihn verjüngt und ihm jede Frau begehrenswert erscheinen lässt. Faust wehrt sich zunächst, fügt sich dann aber doch, überrumpelt von Mephistos schmeichelnden Worten und der verwirrenden Umgebung in diesem Wust von Raserei. Er trinkt das Zaubergebräu.
Nach der Jungbrunnen-Prozedur erblickt er in einem zerbrochenen Spiegel das Idealbild einer Frau und ist von deren Anblick vollkommen verzückt — Oh Liebe, leih mir den schnellsten deiner Flügel und führe mich in ihr Gefild!. Von diesem Bild will er nicht lassen, doch Mephisto führt ihn, unter Hinweis auf zukünftige Liebesfreuden, mit den Worten fort: Du siehst mit diesem Trank im Leibe | bald Helenen in jedem Weibe.
„Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?“ –„Bin weder Fräulein, weder schön,kann ungeleitet nach Hause gehn.“Faust bietet Gretchen den Arm, von Peter von Cornelius (1811)
Faust bietet dem von der Beichte kommenden Gretchen seine Begleitung an. Das aus einfachen Verhältnissen stammende Mädchen weist ihn zurück. Faust ist von Gretchens Aussehen und Wesen eingenommen: So etwas hab ich nie gesehn.
Mit der Drohung, andernfalls den Pakt zu brechen, fordert Faust von Mephisto, ihm Gretchen noch am gleichen Tag als Geliebte zu verschaffen. Mephisto, der die Beichte belauscht hat, wendet ein, er habe keine Gewalt über das unschuldige Mädchen. Faust entgegnet: Ist über vierzehn Jahr doch alt. Mephisto, Fausts Lüsternheit verspottend (Ihr sprecht schon fast wie ein Franzos!), mahnt, man müsse mit Geduld und List vorgehen.
Vorerst soll Faust sich damit begnügen, Gretchens verwaistes Zimmer zu sehen. Faust verlangt von Mephisto, ein Geschenk für das Mädchen zu besorgen.
Zu Hause angekommen, fragt sich Gretchen, wer wohl der Herr gewesen sei, der sie auf der Straße angesprochen hat. Aufgrund seiner stattlichen Erscheinung und seines kecken Auftretens hält sie Faust für einen Edelmann.
In Gretchens Abwesenheit führt Mephisto Faust in deren Zimmer und lässt ihn allein. An diesem Ort spürt Faust süße Liebespein. Er malt sich Gretchens bisheriges Leben aus und erfreut sich an der Vorstellung eines „reinen“, in seiner ärmlichen, aber ordentlichen Umwelt verwurzelten Mädchens. Hier möcht ich volle Stunden säumen, erklärt er beim Betrachten ihres Bettes.
Unversehens erkennt Faust sein Eindringen als Frevel und ist von seinem eigenen Vorgehen befremdet: Armselger Faust, ich kenne dich nicht mehr! Mephisto drängt wegen Gretchens baldiger Rückkehr zur Eile. Er versteckt ein von ihm gestohlenes Schmuckkästchen im Schrank und macht sich über Fausts Bedenken lustig.
Gretchen kommt zurück, entkleidet sich und singt dabei das Lied vom König in Thule. Sie findet das Kästchen und rätselt über dessen Herkunft. Sie legt den wertvollen Schmuck um und posiert damit vor dem Spiegel.
Ein tobender Mephisto berichtet Faust, Gretchen habe den Schmuck ihrer Mutter gezeigt, die daraufhin einen Pfarrer einschaltete. Der habe den verdächtigen Schatz prompt für die Kirche eingezogen und himmlischen Lohn dafür versprochen. Mephisto verhöhnt die Bereitwilligkeit, mit der die Kirche Güter einstreiche, ohne sich um deren Herkunft zu scheren.
Mephisto erzählt, Gretchen denke ans Geschmeide Tag und Nacht, Noch mehr an den, ders ihr gebracht. Faust verlangt umgehend ein neues, noch wertvolleres Geschenk. Außerdem soll Mephisto Gretchens Nachbarin zu seiner Komplizin machen.
imorathi