14. Die Reichen
Eugen Heimlé
Vater liest ein Buch.
SOHN: Papa, Charly hat gesagt, sein Vater hat gesagt, die Reichen werden immer reicher. Stimmt das?
Das
SOHN: Was sind denn Wahlsprüche?
VATER: Das sind Sprüche, die von den Parteien vor den Wahlen unter das Volk gebracht werden.
SOHN: Sind alle Wahlsprüche dumme Sprüche?
VATER: Nein.
Der Vater blättert eine Buchseite um und versucht weiterzulesen. Doch sein Sohn läßt nicht locker.
SOHN: Aber «Die Reichen werden immer reicher» ist einer?
VATER: Ja.
SOHN: Wieso?
VATER: Weil diese Behauptung so nicht stimmt.
SOHN: Welche Behauptung?
VATER: Daß die Reichen immer reicher werden.
SOHN: Wieso? Werden die Reichen immer ärmer? Du, Papa, dann sind die Reichen ja eines Tages arm.
VATER: Nein. Sicher, auch das kommt mal vor, aber im Prinzip doch kaum.
SOHN: Dann werden sie also doch immer reicher, wenn sie nicht ärmer werden, genau wie Charlys Vater sagt.
VATER: Da steckt doch nur der Neid dahinter, hinter diesen Phrasen von Charlys Vater. Dabei sind sie nicht einmal auf seinem Mist gewachsen. Die hat er nämlich von der Partei, die er wählt.
SOHN: Was für eine Partei wählt er denn?
VATER: Na, was für eine Partei wird der schon wählen?
SOHN: Was für eine Partei wählst denn du, Papa?
VATER: Das ist Wahlgeheimnis.
SOHN: Wählst du dieselbe Partei wie Charlys Vater?
VATER: Kaum anzunehmen.
SOHN: Und warum?
VATER: Darum.
SOHN: Darum, das ist doch keine Antwort.
VATER: Vielleicht ist dir schon aufgefallen, daß ich ein Buch lese und dazu brauche ich meine Ruhe. Verstanden?
SOHN: Klar hab ich verstanden. Das ist doch immer so. Wenn du nicht antworten kannst oder willst, brauchst du deine Ruhe. Dabei hast du erst neulich gesagt: «Wenn du Fragen hast, komm zu mir.»
VATER: Na und? Kannst du etwa nicht zu mir kommen, wenn du Fragen hast? Aber wenn du siehst, daß ich beschäftigt bin, dann ist es doch nicht unbedingt nötig, daß du mich störst.
SOHN: Bist du ja gar nicht. Du liest ja nur.
VATER: Aha. Das ist offensichtlich wieder Charlys Einfluß. Lesen scheint bei diesen Leuten nicht sehr hoch im Kurs zu stehen.
SOHN: Denkste! Charly sagt, sein Vater liest sogar Gedichte, wenn er sonst nichts zu tun hat.
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VATER: Was du nicht sagst.
SOHN: Charly kann sogar eins auswendig, hat ihm sein Vater beigebracht. Soll ich dir’s vorsagen?
VATER: Meinetwegen.
SOHN: Man macht aus deutschen Eichen keine Galgen für die Reichen.
VATER: Wohl Arbeiterdichtung, was?
SOHN: Weiß nicht. Charly sagt, das ist von Heinrich ... Heinrich ... und noch was mit Hein, glaub ich ...
VATER: Vielleicht Heinrich Heine?
SOHN: Ja. Kennst du den? Hat der noch mehr Gedichte geschrieben?
...
Marteczka1508